Alfred von Henikstein

Geboren am 11. August 1810 als jüngster von zwölf Kindern. Er trat zum Christentum über und wurde 1828 Soldat als Kadett im Ingenieur-Korps. Er wurde rasch befördert: 1829 zum Leutnant, 1832 zum Oberleutnant und 1842 zum Hauptmann. 1835 heiratet er Santina von Scholl, Tochter des Professor für Befestigungskunst und späteren Feldmarschalleutnant Franz von Scholl, den "österreichischen Vauban". 1848 stand er vor Venedig, wo er bei dem Bau des Forts San Pietro beteiligt war.  Er diente im Generalquartiermeisterstab, im Feldzug in Ungarn und wurde noch 1848 Major im Generalstab, 1849 Oberst. Mit dem IV. Korps besetzte er Altona. 1852 ist er in Venedig, wo seine Frau 1853 stirb. 1854 wird er Generalmajor und Brigadier in Galizien, 1959 kämpft er in Südtirol, wird Feldmarschalleutnant und Divisionär im IX. Korps, 1860 1. Generaladjutant bei der Armee in Italien und 1863 Kommandant des V. Korps. 1864 wird er schließlich Generalstabschef. Er wurde auch k.k. geheimer Rath und auch Zweiter Inhaber des 58. Infanterieregiments.

Alfred von Henikstein ist der ranghöchste jüdische Offizier in der österreichischen Geschichte. In der Geschichte erwähnt wird er als Generalstabschef des Feldzeugmeisters von Benedek, der 1866 die österreichische Armee in die Schlacht bei Königgrätz leitete. Diese Schlacht bestimmte auch sein Schicksal.

 

Der preußisch-österreichische Krieg von 1867

In Italien war von Henikstein an den verschiedenen Kriegen beteiligt, so der Schlacht von Solferino 1856. Damals traf er wohl mit Ludwig Ritter von Benedek zusammen. Benedek hatte sich durch die Niederschlagung eines Aufstandes in Galizien 1846 ausgezeichnet, 1848 bekämpfte er die Aufstände in Italien. Benedek war kein Soldat des Schreibtisches, sein Arbeitsplatz war der Sattel. Theorie und Planen waren im verhaßt. Er räumte mit der Gemütlichkeit in der Armee auf: Tage mußten damit verbracht werden, die braunen Kalbfelle der Tornister der Soldaten einzufärben, damit alle die gleiche Farbschattierung aufwiesen. In dieser Zeit wurde auch befohlen, daß alle Männer bei der Parade einen schwarzen Bart zu tragen hätten, gleichgültig, ob sie einen blonden oder gar keinen hatten. Die Soldaten pinselten sich einen mit Schuhwichse unter die Nase.

Aber leider hingen die Ausgänge der Schlachten davon nicht ab. Auch nicht von den Reitkünsten der Offiziere, von denen einer gewettet hatte, er könne verkehrt auf einem halb zugerittenen Pferd alle acht Hindernisse der Reitschule nehmen. Man gestand ihm einen Fehler zu – aber selbst das erwies sich als unnötig. Entscheidender war, daß man in Österreich nichts vom Zündnadelgewehr, einem Hinterlader, hielt, welches 1827 erfunden worden war. Preußen begann 1841 mir der Produktion. 1848 sah Erzherzog Johann in Frankfurt solche Gewehre, aber Feldzeugmeister Augustin erstellte ein so vernichtendes Urteil, daß die österreichische Armee bei ihren Vorderladern blieb. 1864 hätten die Österreicher auch sehen können, wie die verbündeten Preußen damit ausgerüstet und in Schwärmlinien – im Gelände Deckung nehmend und nicht mehr in Reih' und Glied aufrecht marschierend – gegen Dänemark in den Krieg zogen. So schnell schossen die Preußen schon: zehn bis fünfzehn Schuß pro Minute, während die Österreicher zwei bis drei Schuß abgaben. Aber damals galt nur der Bajonettkampf ehrenvoll und eines kaiserlichen Grenadiers würdig.

Preußen suchte damals die Vormachtstellung in Deutschland und sah getreu Clausewitz einen Krieg nur als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Österreich störte Preußens Vormachtpläne im deutschen Bund und eine deutsche Einigung unter seiner Führung. Also steuerte Bismark in einen Krieg gegen Österreich. Gleichzeitig kam es zum Krieg mit Italien.

Von Benedek wurde vom Kaiser zum Oberbefehlshaber der Nord-Armee ernannt. Er protestierte vergeblich und erklärte, er kenne dafür den italienischen Kriegsschauplatz und könne nur dort für einen Erfolg garantieren. Aber dort sollte ein Erzherzog kommandieren, denn dort war das Risiko einer Niederlage wesentlich geringer. Bereits vorher hatte von Benedek um Pensionierung gebeten, da er von dieser Armee, in der nur Protektion, Altersschwachsinn und Dilettantismus herrschten, genug hatte; und sich auch selber krank fühlte. Man versprach ihm 800 000 Mann – er glaubte, daß er nur über die Hälfte verfügte. Der Rest sollten Freiwillige sein: es wurden 8000 Infanteristen und 900 Reiter.

Henikstein hielt einen Aufmarsch in Böhmen zu riskant, er wies andauernd auf die Unzulänglichkeiten der Armee hin. Henikstein reicht am 31. Mai eine Denkschrift zur Befestigung Wiens ein, er wird als „Angstmeier und Geisterseher“ verspottet

Aber im Ministerium herrschte Optimismus: "Wir brauchen keine Vorder- und keine Hinterlader! Wir jagen die Preußen mit nassen Fetzen nach Berlin und dort werden wir ihnen den Frieden diktieren!" Und zur Bekräftigung wurde der Nord-Armee befohlen, die Paradeuniform für die Siegesparade in Berlin in die Tornister zu packen. Sehr sinnreich erwies sich auch das Dislozierungssystem: Eine galizische Einheit verlegte zB nach Italien, eine italienische nach Böhmen. Um die Truppen zu "konditionieren", wurde marschiert und nicht mit der Bahn verlegt. Einige Truppen trafen daher überhaupt erst nach der Schlacht ein. Auch die Ausstattung war unkomplett. Der Finanzminister sagte einmal, er bete täglich zu Gott, er möge die Armee erhalten, er persönlich könne es nicht mehr. Aber man hielt noch die Form. Ein italienischer Parlamentär erschien mit einem Hornisten bei Verona und verlangte, den wachhabenden österreichischen Offizier zu sprechen. Er überbrachte ein Schreiben an den kommandierenden Erzherzog Albert, Italien sehe sich gezwungen, in drei Tagen – wenn es dem Erzherzog recht wäre – mit den Feindseligkeiten zu beginnen.

Der Krieg in Italien entwickelte sich mit dem österreichischen Sieg bei Custozza günstig. Österreich gewann auch die Seeschlacht bei Lissa – der Admiral Tegethoff hatte das italienische Flaggschiff durch Rammen versenkt! Im Norden versuchte Benedek, Zeit zu gewinnen. Er hatte von Henikstein als zweiten Generalstabschef geholt, weil ihm Gideon von Krismanic, der ihm aufgeredet wurde, allein als strategisch zu wenig kompetent erschien. Man drängte auf Operation, von Benedek auf Friedensschluß.

Benedek schrieb, daß durch das Zündnadelgewehr alle "impressioniert geblieben seien .." – die österreichischen Ausfälle waren vier- bis fünfmal höher als die preußischen, und der österreichische Bajonettkampf im Angesicht schnellfeuernder Hinterlader der reine Selbstmord. Ein Beispiel der herrschenden Zustände ist auch Graf Sternberg, der einen wichtigen Befehl, der nur von einem Offizier befördert werden durfte, an einen drei Stunden entfernten General bringen sollte. Der Graf ritt jedoch einen kleinen Umweg zu einem Bekannten und blieb in dessen Schloß zum Mittagessen und zur Jause. Weil es so gemütlich war, hatte der Schloßherr zur Abendgesellschaft eingeladen, bei der bis tief in die Nacht gefeiert wurde. Erst am nächsten Tag traf der Befehl nach 24 Stunden dann ein!

Die ersten Kämpfe gingen schlecht aus und von Henikstein wurde vom Kaiser zurückgerufen, weil er nicht in dessen Sinne gehandelt habe. Von Benedek wurde der Vormarsch befohlen, es kam zur Schlacht bei Königgrätz. Besonders die Kavallerie schlug sich tapfer, die österreichische Artillerie war sogar besser und es hätte zu einem Sieg kommen können, aber schließlich wurde es nur Flucht und Chaos. Erst später bei Preßburg wurde Benedeks Befehl befolgt und die Österreicher verzichteten auf Bajonettangriffe, schwärmten wie die Preußen aus und konnten sie damit abwehren.

In Nikolsburg wurde Frieden geschlossen. In der Folge wurde Benedek entlassen und eine Untersuchung eingeleitet. Niemand sparte an Kritik und jeder wußte jetzt, wie die Schlacht hätte gewonnen werden können. Keine Hand rührte sich zur Ehrenrettung, schlechte Führung war der Grund der Niederlage. Benedek, Henikstein und zwei weitere Generäle waren angeklagt, einer davon wurde freigesprochen. Das verbleibende Trio war ein besonderes: der Protestant Benedek, der nur als "der Jud" bezeichnete Henikstein und ein Freimaurer! Der Kaiser schlug das Verfahren nieder – wer weiß, was herausgekommen wäre! Aber Benedek und Henikstein wurden entlassen. Benedek mußte sich verpflichten, nie Memoiren oder militärische Kommentare zu schreiben, weil die dem Kaiser oder dem Erzhaus schaden könnten! (Offizier)

Alfred von Henikstein stirbt am 29 Januar 1882 in Wien. Sein Schwager, Heinrich Freiherr von Scholl, war 1871 kurze Zeit Landesverteidigungsminister, er plante den Bau der Wiener Neustädter Militärakademie. Beide Söhne Alfred von Henikstein's werden Soldaten, sein zweiter Sohn Gustav sogar Feldmarschalleutnant.

70 Jahre später untersucht der Münchner Heereswissenschaftler Eugen von Frauenholz einen Nachlaß und schreibt, daß der Feldmarschalleutnant, im Gegensatz zu der offiziösen Darstellung der amtlichen Wiener Zeitung vom 8. Dezember 1866, die volle Mitverantwortlichkeit für den unglücklichen Ausgang des österreichischen Feldzuges in Böhmen gegenüber der Untersuchungskommission im Herbst 1866 übernommen hat. Er weist ferner darauf hin, daß Henikstein gegen seinen Willen 1864 zum Chef des Generalstabs ernannt wurde, ebenso wie Benedek 1866 Führer der österreichischen Nordarmee. Heniksteins Vorschläge, die militärisch Österreich eine ganz andere Widerstandskraft gegeben hätten, als sie 1866 zu verspüren war, wurden nicht angenommen. Das tragische Ergebnis der Untersuchung ist, daß die beiden führenden Generäle der k. k. Nordarmee 1866 fehl am Platz waren, dies wußten, sich dagegen wehrten, vom Kaiser jedoch befohlen wurden, gehorchten und hierauf, wie sie selbst erwarteten, für diese notwendigerweise technisch, nicht moralisch unzureichende Pflichterfüllung zur Verantwortung gezogen wurden